Rezension
Rezensiert von Prof. Dr. em. Klaus Kraimer, 08.01.202, auf socialnet.de
Thema und Entstehungshintergrund
Mit Bezug auf eine wissenschaftliche Tagung aus dem Jahre 2022 mit der Thematik ‚Begegnung‘ versammelt das Buch zehn Beiträge aus Philosophie, Sozialer Arbeit, Sport- und Bewegungswissenschaft sowie Wirtschaftswissenschaft und Erlebnispädagogik bzw. deren Erforschung. Zwei Beiträge beziehen sich auf Forschungsprojekte, zwei auf Möglichkeiten der Verknüpfung von Erlebnispädagogik und philosophischer Bildung, weitere Beiträge auf Lehr- und Lernprozesse, betriebliches Gesundheitsmanagement, die Betreuung traumatisierter Kinder- und Jugendlicher, Optionen der Erlebnispädagogik im Rahmen einer Fahrradexpedition, Förderung der Kohäsion in Schulklassen sowie auf Bewegungsvermittlung in Natursportarten.
Die einzelnen Beiträge sind jeweils mit Portraitfotos, Kurzbiografie, Kontaktmöglichkeiten und Literaturverzeichnis ausgestattet.
Herausgeber:innen
Dr. Gunnar Liedtke, Institut für Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Leiter des Arbeitsbereichs für Theorie und Praxis der Bewegungsfelder.
Dr. Barbara Bous, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Augsburg am Lehrstuhl für Pädagogik. Hochschulforum Erlebnispädagogik/im Vorstand Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik.
Dr. Martin Scholz, akademischer Oberrat am Sportzentrum der Universität Augsburg. Leiter des Arbeitsbereichs Erlebnispädagogik und des Hochschulseilgartens.
Inhalt
Gunnar Liedtke, Barabara Bous und Martin Scholz gehen einleitend unter dem Thema „Begegnung – Zwischenstände erlebnispädagogischer Forschung am Ende der Corona-Pandemie“ (S. 5–9) auf negative Auswirkungen und Beeinträchtigungen dieser langandauernden und lang nachwirkenden Krise auf Bevölkerung und Erlebnispädagogik ein. Sie führen kurz in die Beiträge ein und rahmen sie unter dem Thema Begegnung.
Senta Stoiber stellt unter dem Titel „Die Stärke erlebnispädagogischer Intervention in Krisenzeiten“ (S. 10–23) ihre Forschungsergebnisse vor, die aus einer Qualifikationsarbeit hervorgegangen sind. Befragt hat sie sechs Studierende der Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik, ausgewertet nach qualitativer Inhaltsanalyse. Einflüsse und Wirkungen der Erlebnispädagogik auf soziale Beziehungen wurden mit Bezug auf Auswirkungen der Corona-Pandemie für Jugendliche und junge Erwachsene untersucht. Dabei wird die Bedeutung persönlicher Begegnungen und sozialer Beziehungen hervorgehoben.
Isabella Schmidt und Gunnar Liedtke untersuchten den „Einfluss der Covid-19-Pandemie auf Digitalisierungsprozesse in der Erlebnispädagogik“ (S. 24–35) mit Hilfe einer „retrospektiven Querschnittsanalyse“ im Rahmen einer Masterthesis auf der Basis von 62 Fragebögen. Befragt wurden Personen, die in der Individual- und Erlebnispädagogik verbandlich organisiert sind, um zu erforschen, welche Veränderungen sich in Hinblick auf Digitalisierungsprozesse bei erlebnispädagogischen Trägern im Rahmen der Covid-19-Pandemie ergeben haben. U. a. wird eine verstärkte Digitalisierung der Erlebnispädagogik diagnostiziert, deren Stand und Stellenwert weiter zu erforschen wäre.
Markus Tiedemann und Ben Moll stellen sich das Thema: „Philosophische Bildung und Erlebnispädagogik – Eine Win-Win-Situation?“ (S. 36–51). Sie loten Möglichkeiten und Grenzen interdisziplinärer Zusammenarbeit von Philosophiedidaktik und Erlebnispädagogik aus. Einer allgemeindidaktischen ‚Rechtfertigung‘ mit Gegenüberstellung von konfuzianischem und augustinischem Prinzip folgt in groben Schritten ideengeschichtlich ein Abriss über Comenius, Pestalozzi, Dewey und Kilpatrick über Psychologiedidaktik bis zur Hirnforschung (Spitzer). Ähnlich eine Darlegung über philosophische Bildung mit Bezügen etwa auf Kant, Artendt, Habermas. Eine ‚Methodenschlange‘ (Illustration) windet sich um phänomenologische, hermeneutische, analytische, dialektische und spekulative Methoden um zu illustrieren, wie Urteilskraft zu schulen wäre. Im Sinne einer Philosophie des Ortes und in der Verbindung scheinbarer Gegensätze von Erleben und Philosophieren betonen die Autoren die Relevanz der Originalerfahrung und der Muße. Sie werben mit guten Gründen für eine verstärkte Integration interdisziplinärer Projekte aus Erlebnispädagogik und politischer Bildung in das deutsche Bildungssystem.
Helena Graf fragt in ihrem Beitrag „Philosophische Bildung und Erlebnispädagogik“ danach, ob dies eine unkonventionelle Begegnung sei (S. 52–61). Sie diskutiert Begriffe, Modelle und Fragen der philosophischen Bildung und Philosophiedidaktik auf der einen und der Erlebnispädagogik auf der anderen Seite. Gleichheit und Differenz in deren Begegnung werden herausgearbeitet. Ziel ist es, mittels ‚kritisch-empirischer‘ Untersuchungen zu prüfen, ob sich ein erlebnisorientiertes, außerschulisches ‚Lernsetting‘ etwa auf Fähigkeiten von Abstraktion und Urteilskraft nachweisbar als förderlich erweisen. Schon ihre umfangreichen Vorarbeiten deuten darauf hin, dass – etwa bei Erstklässlern – die Wahl der philosophischen Inhalte analog zur Wahl des Lernortes einer erlebnispädagogischen Intervention erfolgen sollte und dass, wie eingangs thematisiert, unkonventionelle Wege gegangen werden müssen, also dass die Begegnung von Erlebnispädagogik und philosophischer Bildung die Abkehr von der Tradition einer Kanon-orientierten Philosophiedidaktik voraussetze.
Norbert Meister und Paul Rameder arbeiten unter dem Titel: „Feedback – Begegnung im Dialog“ (S. 62–77) zum Thema der Informationsübertragung in Lehr- Lernkontexten. Vor dem Hintergrund einer knapp skizzierten widersprüchlichen Befundlage im Kontext unterschiedlicher Feedbackmethoden gehen sie der Frage nach, „unter welchen Bedingungen und in welcher Form Feedback zu einer dialogischen Begegnung bzw. einem dialogischen Prozess“ werden könne. Sie möchten zu Lernen und Entwicklung in der Erlebnispädagogik beitragen und dies mit einem dreifachen Perspektivwechsel anstreben: (1) Ausweitung des Blickes auf die sog. Feedback Literacy, (2) die Summe aller Feedback Ereignisse betrachten, (3) den Blick auf die Innenwahrnehmungen der Feedbackempfangenden Personen und auf die gemeineinsame Reflexion zu richten. Dazu legen sie eine differenzierte Ausarbeitung vor. Sie diagnostizieren einen Forschungsbedarf etwa mit Blick auf Methoden und die Erfassung von Innensichten, für den sie ein Mehr an quantitativen Verfahren fordern, was verwundern lässt, da latent wirksame Gründe und Folgen wechselseitiger Informationsgaben rekonstruktiv zu erschließen wären.
Lisa Sennefelder und Heiko Meier fragen danach, ob die „Förderung einer Vertrauenskultur als Baustein im Gesundheitsmanagement“ dienen kann und stellen ein „erlebnispädagogisch orientiertes Konzept für Verwaltungsorganisationen“ vor (S. 78–91). Im Kontext gesellschaftlichen Wandelns und der damit einhergehenden Einschätzung öffentlicher und insbesondere kommunaler Verwaltungen und deren Belastungen (Fachkräftemangel, Digitalisierung und Flüchtlingswellen) sehen sie einen Weg zur Bewältigung wachsender Aufgaben darin, Gesundheitsmanagement zu forcieren. Dessen Rahmenbedingungen, theoretische Überlegungen zur Implementierung eines Verwaltungsgesundheitsmanagements (VGM) und konzeptionelle Ansätze werden entwickelt. Insgesamt soll dies der Sensibilisierung zum Aufbau und dazu notwendigen Vertrauens dienen, das mit Hilfe erlebnispädagogischer Übungen und Konzepte gewonnen werden können.
Tanja Kozak thematisiert unter dem Titel „Begegnungen @highrisk“ (S. 92–101) im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich Problemstellungen, die im deutschsprachigen Raum insgesamt unter der (stigmatisierenden und an einer produktiven Symptomatik orientieren) Begrifflichkeit ‚Systemsprenger‘ etikettiert werden. Sie nimmt Bezug auf eine sozialtherapeutische Einrichtung (Studie AKS Noah, Wien 2022), die vorrangig unter psychiatrischen Gesichtspunkten bzw. standardisierten Kategorien orientiert scheint (ICD 10). Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse aus dieser sozialtherapeutischen Einrichtung – so die Autorin – deutliche familiale Belastungsfaktoren, so dass von kindlicher Traumatisierung und problematischen Bindungserfahrungen gesprochen werden könne. Im Kontext des als Kids@highrisk bezeichneten Phänomens weist die Autorin zu Recht auf fehlende individualpädagogische Maßnahmen (gerade in Österreich) hin, wobei anzumerken bleibt, dass devianzpädagogische Ansätze und damit verbundene Professionalisierungsbemühungen offenkundig vollkommen in Vergessenheit geraten sind.
Jochen Hotstegs und Henning van den Brink berichten über eine Fahrrad-Expedition mit Studierenden der Sozialen Arbeit „Radeln stärkt nicht nur die Waden“ (S. 102–117).
Vorgestellt wird die didaktische Konzeption samt institutioneller Rahmenbedingungen, praktischer Vorbereitung, Durchführung der ‚Tour de Ostfalia‘, die Selbst- und Lehrevaluation sowie Optionen der Weiterentwicklung. Insgesamt wird ein positives Fazit gezogen, so dass von einem Transfer des Bewältigungshandelns in den privaten und beruflichen Alltag gesprochen werden könne. Die Autoren zeigen wissenschaftliche und didaktische Anschlussmöglichkeiten auf, etwa in Richtung partizipativer Aktionsforschung. Eine stärkere Außen-Orientierung und eine Konzeption solcher Exkursionen „seminar-, fakultäts-, disziplin- oder hochschulübergreifend“ könnten zusätzliche Quellen für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen sein.
Daniela Englberger stellt einen „Zwischenbericht zum Projekt ‚Inklusion Klasse erlebt!‘ mit dem Untertitel „Förderung der Kohäsion in Schulklassen durch erlebnispädagogische Maßnahmen“ vor (S. 118–125). Ihre Daten aus einer Fragebogenerhebung lassen erwarten, dass erlebnispädagogische Maßnahmen, die intendierten Ziele nachhaltig erreichen. Sie strebt zusätzlich eine qualitative Datenerhebung an.
Volker Nagel berichtet unter dem Titel „Erlebnisfähigkeit und Bewegungskompetenz: Zur kritischen Funktionsanalytik natursportlicher Technik“(S. 126–142) anschaulich Erkenntnisse aus Pilotstudien und langjähriger Ausbildungspraxis. Er zeigt gesellschaftliche, vor allem mediale Einflüsse im Wandel von Natursport zu Trendsport auf, im Wandel von ‚in‘ and ‚out‘ – etwa am Beispiel Skilanglauf und Nordic Walking oder Windsurfen und Kiten. Entfaltet werden weiterführende Forschungsfragen, die durch einen interdisziplinären Verbund aus Bewegungs- und Sportwissenschaft, Erlebnispädagogik und Freizeitsoziologie zu bearbeiten wären.
Diskussion
Für die Praxis der Erlebnispädagogik ergeben sich aus den einzelnen Beiträgen wertvolle Deutungsangebote und Handlungsorientierungen, etwa um die in gemeinsam erlebten Situationen Erfahrungen begrifflich zu fassen und je individuell im Sinne einer ‚Aufforderung zur Selbsttätigkeit‘ anzueignen. Eine damit verbundene ‚Rückgewinnung des Pädagogischen‘ könnte fruchtbare Momente im Bildungsprozess (Copei) gegenüber purer Lern- oder Profitorientierung bewahren – im didaktischen Dreischritt aus Vorbereitung, Durchführung und Auswertung. Dies steht der Entmündigung durch ein Regime des bloßen Konsumierens von Erlebnissen entgegen. Forschungsmethodisch zeigen sich die Beiträge an quantitativ bzw. subsumtionslogischen Modellen orientiert, wünschenswert wäre es, inhaltsanalytische und deskriptive Ansätze zu überwinden, um rekonstruktionslogisch Sinnstrukturen zu erschließen, die der Erlebnispädagogik zugrunde liegen und deren Transformation ermöglichen.
Menschliche Begegnungen – im Modus der Krise des ‚Social Distancing‘ oder in der Routine pädagogisch inspirierter Erlebnisse – dies sind die Themen, die die engagierten Beiträge des vorgestellten Tagungsbandes beschäftigen.
Das Buch vermittelt und reflektiert Einblicke in Forschungsarbeiten und Handlungsfelder im Kontext von Erlebnispädagogik und kann – wie in den einleitenden Ausführungen von Gunnar Liedtke, Barbara Bous und Martin Scholz angekündigt – Inspirationen schaffen und, wie auch hier gezeigt, Diskussionen auslösen. Auf diese Weise und mit Bezug auf die in dem Sammelband dargestellten Befunde können erlebnispädagogische Tätigkeiten konstruktiv weiterentwickelt werden, wenn es gelingt, diese im pädagogischen Sinne – als Bildung und Erziehungim Vollzug von Praktiken zu verstehen, die der Erlangung von Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit dienen. Das Mögliche durch Begegnung und Erleben wirksam werden lassen – dies sollte das große Thema der Erlebnispädagogik bleiben, die in diesem Sammelband zahlreiche Optionen erfahren hat, die lesenswert und für die Förderung der Begegnung in den verschiedenen Disziplinen und Professionen hilfreich sind.
Fazit
Der Band rückt die zentrale Bedeutung von Begegnungen in das Zentrum der Aufmerksamkeit und inspiriert auf diese Weise eine interdisziplinär ausgerichtete erlebnispädagogische Forschung ebenso wie die Praxis sozialer Professionen, die – nicht nur in Zeiten von Krisen wie der Corona-Pandemie – darauf gerichtet sein muss, über Mitmenschlichkeit Lebensqualität zu fördern und dies in Routinen der autonomen Lebensbewältigung zu überführen.
Rezension von
Prof. Dr. em. Klaus Kraimer
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. University of Applied Sciences
Professor für Theorie, Praxis und Empirie Sozialer Arbeit an der Fakultät für Sozialwissenschaften