Rezensionen
Rezensiert von Prof. Dr. rer. soc. Germo Zimmermann, 06.02.2026, auf socialnet.de
Thema
Gesellschaftliche Umbrüche, Krisenerfahrungen und Transformationsprozesse prägen gegenwärtig zentrale Lebensbereiche und stellen auch pädagogische Handlungsfelder vor neue Herausforderungen. Fragen nach ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Verantwortung, veränderten institutionellen Rahmenbedingungen sowie nach der Wirksamkeit pädagogischen Handelns gewinnen vor diesem Hintergrund zunehmend an Bedeutung. Der Sammelband „Umbruch und Aufbruch“ greift diese Entwicklungen auf und fragt danach, wie sich Erlebnispädagogik unter Bedingungen tiefgreifenden Wandels fachlich positioniert, weiterentwickelt und legitimiert. Das Leitmotiv „Umbruch und Aufbruch“ fungiert dabei als analytische Klammer für Beiträge, die Wandlungsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen adressieren: auf der Makroebene gesellschaftlicher Transformation, auf der Mesoebene organisationaler und institutioneller Rahmenbedingungen sowie auf der Mikroebene individueller Erfahrungs-, Lern- und Wirkprozesse. Der Band versteht sich ausdrücklich nicht als programmatisches Manifest, sondern als diskursive Bestandsaufnahme aktueller Themen und Fragestellungen der Erlebnispädagogik.
Autor:in oder Herausgeber:in
Die Herausgabe des Bandes liegt bei Barbara Bous und Alex Ferstl, die seit vielen Jahren zentrale Diskurse der Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Raum mitprägen. Barbara Bous ist Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Augsburg mit ausgewiesenen Schwerpunkten in der Erlebnispädagogik und im erfahrungsorientierten Lernen. Alex Ferstl ist Geschäftsführer des Zentrums für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen (ZIEL), Verlagsleiter des ZIEL-Verlags und Kongressmanager des internationalen Kongresses erleben und lernen.
Entstehungshintergrund
Der Sammelband dokumentiert ausgewählte Beiträge des 14. Internationalen Kongresses „erleben und lernen“, der 2023 in Augsburg stattfand. Der Kongress hat sich über viele Jahre als zentrales Forum der Erlebnispädagogik etabliert, in dem wissenschaftliche Vorträge, praxisorientierte Workshops und diskursive Formate systematisch miteinander verschränkt werden. Charakteristisch ist zudem die kontinuierliche Publikation begleitender Tagungsbände im ZIEL-Verlag: In diese Reihe fügt sich „Umbruch und Aufbruch“ ein und knüpft an frühere Kongressbände wie „Erfolgreiche Erlebnispädagogik gestalten!“ (Schettgen, Fengelr & Ferstl 2016), „Einmischen possible!“ (Schettgen, Bous & Ferstl 2018) und „Einmischen necessary!“ (Settgen, Bous & Ferstl 2021) an.
Aufbau
Der Tagungsband ist in drei Teile gegliedert:
(1) theoretische und gesellschaftliche Perspektiven auf den Wandel,
(2) Methodische Weiterentwicklungen und neue Ansätze sowie
(3) Reflexionen über Veränderung und Zukunftsperspektiven
Diese Struktur orientiert sich an den inhaltlichen Schwerpunkten des Kongresses und ermöglicht eine nachvollziehbare Ordnung der heterogenen Beiträge, ohne deren Vielfalt zu nivellieren.
Inhalt
Den theoretischen Orientierungsrahmen eröffnet Barbara Bous mit einem grundlegenden Beitrag, der Umbruch- und Übergangsprozesse aus bildungs- und erziehungswissenschaftlicher Perspektive analysiert. Anknüpfend an die Transitionsforschung und gesellschaftliche Krisendiagnosen beschreibt sie Erlebnispädagogik als Erfahrungsraum, in dem Unsicherheit, Wandel und Neuorientierung pädagogisch gerahmt und reflexiv bearbeitet werden können. Der Beitrag schafft damit eine konzeptionelle Grundlage für die nachfolgenden Texte.
Einen fachlich klärenden Beitrag leisten Jens Dreger und Florian Galuschka mit ihrer Auseinandersetzung mit Umbrüchen und Aufbrüchen in der Individualpädagogik. Ausgehend von einer neu erarbeiteten Definition dieses Ansatzes arbeiten sie zentrale Strukturmerkmale wie Präsenz, Beziehungsintensität und das 1:1-Setting heraus und diskutieren zugleich Schnittstellen und Abgrenzungen zur Erlebnispädagogik. Der Beitrag leistet damit sowohl eine Systematisierung als auch eine professionsbezogene Einordnung.
Mit dem Thema Wirkung und Nachhaltigkeit greift Gunnar Liedtke einen zentralen, in der Fachpraxis häufig diskutierten Punkt auf. Auf Basis empirischer Studien und Forschungsübersichten differenziert er verbreitete Wirkungsannahmen und zeigt realistische Möglichkeiten nachhaltiger Effekte erlebnispädagogischer Maßnahmen auf. Der Beitrag zeichnet sich durch seine theoretische Klarheit und seine kritische Reflexion verkürzter Erfolgsnarrative aus.
Der methodische Teil des Bandes präsentiert ausgewählte Weiterentwicklungen erlebnispädagogischer Praxis. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag zur Sensiblen Trauma- und Erlebnispädagogik (STEP), der von Autor:innen aus der intensivpädagogischen Jugendhilfe vorgelegt wird. [1] Der Text beschreibt die Verbindung traumapädagogischer Prinzipien mit erlebnispädagogischen Settings und verdeutlicht, dass diese Verbindung nicht nur methodische Anpassungen, sondern auch eine veränderte professionelle Haltung erfordert.
Weitere Beiträge widmen sich aktuellen methodischen Diskursen, etwa den sogenannten „Micro Adventures“ (Irmelin Küthe) als niedrigschwellige, nachhaltige Erlebnisformate, der klassischen Orientierung mit Karte und Kompass (Henrike Hirschmüller) oder der Weiterentwicklung kooperativer Aufgaben (Roland Abstreiter, Alex Siebenhorn, Rafaela und Reinhard Zwerger). Gemeinsam ist diesen Texten der Versuch, bewährte Methoden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, ökologischer und pädagogischer Veränderungen kritisch weiterzudenken.
Den abschließenden reflexiven Akzent setzt Elmo Mesic mit einem Beitrag zum „Loslassen“ als zentraler Dimension persönlicher Entwicklungsprozesse. Anknüpfend an den Monomythos der Heldenreise interpretiert er Umbruch- und Aufbruchssituationen als existenzielle Übergänge und verortet erlebnispädagogische Settings als Räume, in denen solche Erfahrungen bewusst gestaltet und reflektiert werden können.
Den Band schließen Barbara Bous und Alex Ferstl mit einem gemeinsam verfassten Beitrag ab, der zentrale Diskurslinien des Sammelbandes aufgreift und in eine übergreifende Perspektive einordnet: Sie markieren Erlebnispädagogik als ein Feld, das sich angesichts gesellschaftlicher Transformationen zwischen Professionalisierung, Wirkungsansprüchen und normativen Erwartungen neu positionieren muss. Der Beitrag fungiert weniger als Synthese denn als reflektierender Ausblick, der offene Fragen bündelt und Erlebnispädagogik bewusst als lernendes und diskursoffenes Praxis- und Forschungsfeld beschreibt.
Diskussion
Der Sammelband bietet eine sorgfältig kuratierte Zusammenstellung zentraler Beiträge des Kongresses „erleben und lernen“ 2023 und ermöglicht damit einen fundierten Einblick in aktuelle Diskurse der Erlebnispädagogik. Die Verbindung von theoretischer Rahmung, methodischer Weiterentwicklung und reflexiver Einordnung stellt eine klare Stärke des Bandes dar. Zugleich zeigt sich eine für Tagungsbände typische Ambivalenz: Die thematische Breite und bewusste Heterogenität eröffnen vielfältige Zugänge, erschweren jedoch stellenweise eine eindeutige Zuordnung zu spezifischen Handlungsfeldern oder Zielgruppen. Die Stärke, Studierende, Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen gleichermaßen anzusprechen, geht mit einer gewissen Binnendiskursivität einher, die den Transfer in einzelne Praxis- oder Professionskontexte unterschiedlich stark ausprägt.
Fazit
Der Sammelband „Umbruch und Aufbruch“ bietet als gut strukturierter Tagungsband eine differenzierte und inhaltlich fundierte Bestandsaufnahme zentraler aktueller Diskurse der Erlebnispädagogik und eignet sich besonders als inspirierende Orientierungs- und Einstiegsliteratur für alle, die sich mit gegenwärtigen theoretischen, methodischen und gesellschaftlichen Herausforderungen des Feldes auseinandersetzen möchten und selbst nicht beim 14. Internationalen Kongress „erleben und lernen“ dabei sein konnten.
Literatur
Klausfering, Ralf; Klein, Joachim; Thaleikis-Carstensen, Ute; van Mil, Heiner (Hrsg.) (2025): Sensible Trauma- und Erlebnispädagogik. Weinheim: Beltz Juventa.
Schettgen, Peter; Fengler, Janne; Ferstl, Alex (Hrsg.) (2016): Erfolgreiche Erlebnispädagogik gestalten. Nachspüren – Querdenken – Mitmachen. Augsburg: ZIEL-Verlag.
Schettgen, Peter; Ferstl, Alex; Bous, Barbara (Hrsg.) (2018): Einmischen possible! Die gesellschaftspolitische Dimension der Erlebnispädagogik. Augsburg: ZIEL-Verlag.
Schettgen, Peter; Ferstl, Alex; Bous, Barbara (Hrsg.) (2021): Einmischen necessary! Gesellschaftliche Verantwortung und politische Beteiligung in der Erlebnispädagogik. Augsburg: ZIEL-Verlag.
[1] Zwischenzeitlich liegt ein eigener Band zu diesem integrativen Konzept der Jugendhilfe Dülmen vor, siehe Klausfering et al. 2025.
Rezension von
Prof. Dr. rer. soc. Germo Zimmermann
MHEd., Dipl.-Sozial- und Religionspädagoge, Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit an der CVJM-Hochschule, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Erlebnispädagogik.